Im September hatte ich als Fotograf an der UEC Trial-Europameisterschaft in Poprad (Slowakei) teilgenommen. Poprad liegt natürlich direkt südlich der Hohen Tatra, die wir 2021 schon unsicher gemacht haben. Daher konnten wir es natürlich nicht vermeiden, ihr wieder mit zwei Wanderungen einen Besuch abzustatten, bevor die Meisterschaft losgehen würde.

Dolina Zeleného Plesa

Nachdem uns die Hohe Tatra 2021 bereits sehr anschaulich erklärt hatte, was sie von Selbstüberschätzung hält, wollten wir unseren zweiten Besuch mit einer vergleichsweise vernünftigen Wanderung beginnen. Unsere Wahl fiel auf die Dolina Zeleného plesa, eines der schönsten Täler der Region. Die Tour war mit rund 20 Kilometern zwar ziemlich lang, die knapp 800 Höhenmeter verteilten sich jedoch einigermaßen menschenfreundlich über die Strecke. Außerdem waren weder Ketten noch vereiste Felsspalten oder Schneestürme angekündigt. Für unsere Verhältnisse war das beinahe ein Wellnessangebot.

Von Tatranské Matliare führte uns der Weg zunächst durch den Wald und anschließend durch das Tal der Kežmarská Biela voda. Über weite Strecken ging es auf einem angenehm breiten Weg stetig, aber ohne größere Gemeinheiten bergauf. Tatsächlich handelt es sich dabei teilweise um einen unbefestigten Versorgungsweg zur Berghütte. Einfach mit dem Auto zum Mittagessen vorfahren darf man trotzdem nicht – unsere Beine blieben also weiterhin das offiziell zugelassene Transportmittel.

Das Ziel war das grün schimmernde Zelené pleso, das von steilen Felswänden und den umliegenden Gipfeln eingerahmt wird. Direkt am Ufer liegt die Chata pri Zelenom plese. Nach unseren Erfahrungen von 2021 erschien uns ein hübscher Bergsee mit warmer Küche bei Sonnenschein statistisch deutlich ungefährlicher als eine vereiste Felsscharte im Schneesturm. Außerdem mussten wir diesmal keine Tactical Foodpacks mit einem chemischen Erhitzer zum Leben erwecken. Fortschritt kann auch einfach bedeuten, dass am Ende des Wanderwegs jemand Suppe verkauft.

Nach der Pause führte uns der Rückweg noch in einem Bogen über das Veľké Biele pleso und anschließend zurück nach Tatranské Matliare. Nach gut sechs Stunden kamen wir ohne Schneesturm, Todesangst oder Unterstützung durch einen Rettungshubschrauber wieder am Ausgangspunkt an. Selbst die Ponchos hatten den gesamten Tag unbenutzt im Rucksack verbracht.

Unser Fazit nach der ersten Wanderung: Offenbar waren wir inzwischen hervorragend vorbereitete und äußerst vernünftige Bergwanderer. Dieses beruhigende Missverständnis sollte immerhin bis zum Kriváň anhalten.

Die Tour ist hier zusammengefasst:

Krivan

Nachdem uns die erste Wanderung in die Dolina Zeleného plesa mit angenehmen Wegen, schöner Landschaft und erfreulich wenig akuter Todesangst zunächst in Sicherheit gewiegt hatte, durfte die zweite Tour etwas anspruchsvoller werden: Es ging auf den Kriváň, den Nationalberg der Slowakei.

Völlig unbekannt war uns der Berg nicht. Bereits 2021 hatten wir ihn aus der Tichá dolina betrachtet und dabei beobachtet, wie in erstaunlich kurzen Abständen Rettungshubschrauber in Richtung Gipfel flogen. Damals hatten wir daraus die wichtige Erkenntnis gewonnen, dass man die Hohe Tatra keinesfalls unterschätzen sollte. Kurz darauf hatten wir an der Bystrá lávka eindrucksvoll demonstriert, wie dauerhaft diese Erkenntnis in unserem Gedächtnis gespeichert worden war.

Zwei Jahre später waren wir somit selbstverständlich hervorragend vorbereitet. Wir hatten den Kriváň bereits von unten gesehen, einen Schneesturm im August überlebt und gelernt, dass ein Poncho kein meteorologischer Freifahrtschein ist. Außerdem war das Wetter diesmal deutlich freundlicher. Die Ponchos konnten im Rucksack bleiben und standen damit auch nicht als argumentative Rechtfertigung für fragwürdige Entscheidungen zur Verfügung. Im Grunde konnte also kaum noch etwas schiefgehen.

Los ging es am Parkplatz bei Tri studničky. Der grün markierte Weg führte zunächst durch den Wald, gewann dabei aber bereits ausgesprochen entschlossen an Höhe. Der Anstieg begann gefühlt direkt an der Autotür und zeigte wenig Interesse an einer behutsamen Eingewöhnungsphase. Für jemanden wie mich, der Kettenvapen als Ausdauersport betrachtet und richtigen Sport normalerweise lieber bei anderen Leuten anschaut, war das ausgesprochen lehrreich.

Am Rázcestie v Krivánskom žľabe wechselten wir auf den blau markierten Weg. Von dort führte die Route über den Malý Kriváň und das Daxnerovo sedlo weiter zum Gipfel. Der Weg war zunächst steil, anschließend steil und steinig und endete schließlich in sehr steilen, steinigen Kletterpassagen. Die letzten ausgesetzten Abschnitte kamen sogar ohne Sicherungsketten aus. Nach unseren Erlebnissen von 2021 erschien mir das fast ein wenig nachlässig vonseiten des Gebirges.

Diesmal arbeitete das Wetter allerdings tatsächlich mit uns zusammen. Statt waagerechtem Schneeregen gab es Sonne, gute Sicht und auf knapp 2.500 Metern einen Ausblick, für den sich selbst der vorangegangene mehrstündige Treppensteiger-Simulator ohne Treppen gelohnt hatte. Von oben erstreckte sich das Panorama weit über die umliegenden Täler und Gipfel. Der Kriváň sah aus dieser Perspektive noch beeindruckender aus als 2021 – und die beruhigendste Erkenntnis war, dass sich diesmal kein Rettungshubschrauber unseretwegen auf den Weg machen musste.

Für den Rückweg stiegen wir zunächst wieder zum Rázcestie v Krivánskom žľabe ab und folgten anschließend dem Weg in Richtung Jamské pleso. Über die Tatranská magistrála und vorbei an der ehemaligen Važecká chata ging es schließlich zurück nach Tri studničky. Nach gut siebeneinhalb Stunden erreichten wir wieder den Parkplatz: müde, aber weder vergriesgnaddelt noch von einem Schneesturm paniert. Gegenüber 2021 war das eindeutig als Fortschritt zu werten.

Und hier noch die Wanderroute:

Europa-Meisterschaft

Nach zwei sehr gelungenen Wanderungen und mit genügend Muskelkater, um uns zumindest körperlich dem Leistungssport verbunden zu fühlen, konnte die UEC Trial-Europameisterschaft beginnen. Damit wechselten wir zu einer Disziplin, die mir wesentlich besser liegt: Sport bei anderen Leuten anschauen und dabei gelegentlich den Auslöser einer Kamera betätigen.

Praktischerweise hatten wir erneut die ausgezeichnet ausgestattete Ferienwohnung gebucht, in der wir bereits 2021 untergekommen waren. Dass sie sich auch diesmal in fußläufiger Entfernung zum Trialgelände befand, war natürlich reiner Zufall. Nach dem Kriváň empfand schließlich jeder zusätzliche Meter Fußweg den Charakter einer unnötigen Provokation.

Nach der Eröffnungsveranstaltung am Freitag erstreckten sich die eigentlichen Wettkämpfe über Samstag und Sonntag. Während die Fahrerinnen und Fahrer mit Fahrrädern über Hindernisse sprangen, die ich vermutlich nicht einmal zu Fuß würdevoll überwunden hätte, beschränkte ich mich auf die fotografische Dokumentation. Zwischen den Wettkämpfen blieb außerdem etwas Zeit, Poprad genauer zu erkunden. Bei unserem ersten Aufenthalt 2021 hatte unser Stadtbild im Wesentlichen aus der Ferienwohnung, dem Lidl daneben, dem Trialgelände und dem örtlichen Decathlon bestanden – also einer überraschend vollständigen touristischen Infrastruktur. Diesmal konnten wir feststellen, dass Poprad tatsächlich noch aus weiteren Gebäuden besteht.

Eine vollständige Dokumentation der Europameisterschaft soll dieser kleine Beitrag nicht werden. Stattdessen hier ein paar Impressionen von einem Wochenende voller Präzision, Körperbeherrschung und eines bemerkenswert entspannten Umgangs mit der Schwerkraft.