Ich wollte schon länger einmal Lost Places fotografieren. Burgruinen eignen sich dafür eigentlich hervorragend: Sie sind verlassen, zerfallen und überwuchert, gelten dabei aber als historisch wertvoll, sodass man nicht durch einen aufgeschnittenen Bauzaun klettern muss. Im Grunde sind sie Lost Places mit besserer Öffentlichkeitsarbeit.

Also fuhren wir am 2. Oktober 2025 aus Jux und Tollerei nach Böhmen, um uns einige davon anzusehen.

Hasištejn – ein ausgesprochen gepflegter Lost Place

Unsere erste Station war Hasištejn, im Deutschen als Hassenstein bekannt. Die um 1340 entstandene Burg liegt etwas versteckt über einem bewaldeten Tal bei der kleinen Ortschaft Místo. Mit ihrem mächtigen Rundturm, den hohen Mauern und der hölzernen Brücke sieht sie ziemlich genau so aus, wie man sich eine mittelalterliche Burg vorstellt.

Für einen echten Lost Place war sie allerdings fast ein wenig zu gut in Schuss. Offenbar kümmert sich tatsächlich jemand um die Anlage – an diesem Tag sogar so gründlich, dass sie wegen Sanierungsarbeiten geschlossen war. Uns blieb daher nur ein Foto von außen durch das zwar offene Tor, hinter dem aber ein relativ schlecht gelaunter Arbeiter saß.

Die erste Burgbesichtigung war damit schneller beendet als geplant. Bei den nächsten Ruinen stellte sich dafür ein ganz anderes Problem: Burgen wurden früher bevorzugt auf schwer zugänglichen Bergen errichtet und nur selten mit einem ausreichend dimensionierten Besucherparkplatz versehen.

Egal, wo wir unser Auto abzustellen versuchten, standen wir offenbar genau an jener Stelle, die kurz darauf zwingend von einem Bauern und seinem Arbeitsgerät benötigt wurde. Das Experiment, in der böhmischen Landschaft niemandem im Weg zu stehen, musste nach mehreren Versuchen als gescheitert betrachtet werden. Irgendwann fanden wir dennoch eine halbwegs vertretbare Lösung und machten uns auf den Weg zum Egerberk.

Egerberk – alte Mauern über dem Egertal

Egerberk, auch Egerberg oder Lestkov genannt, entstand um den Übergang vom 13. zum 14. Jahrhundert. Die Ruine liegt auf einem bewaldeten Bergsporn oberhalb des Egertals und ist nur zu Fuß erreichbar. Eine hölzerne Brücke führt durch das zerfallene Tor in die weitläufige Anlage. Zwischen den hohen Mauerresten lässt sich noch gut erahnen, wie mächtig die Burg einmal gewesen sein muss. Gleichzeitig bietet sich von hier ein weiter Blick über die umliegenden Wälder und Berge.

Aus dem Burghof heraus entstand mit dem Teleobjektiv eines meiner Lieblingsbilder des Tages: Auf einem gegenüberliegenden Hügel erhebt sich die Ruine Šumburk über dem Wald. Weit dahinter ist der Klínovec, der Keilberg, mit seinem markanten Aussichtsturm zu erkennen.

Außer uns war auf Egerberk niemand unterwegs. Keine Wandergruppe, kein Ausflügler und nicht einmal jemand, der uns erklären wollte, dass wir an der völlig falschen Stelle geparkt hatten.

Das vermeintliche Kloster unterhalb von Šumburk

Unser nächstes Ziel war Šumburk. Der Weg führte zunächst an alten, teilweise verwilderten Obstgärten entlang und anschließend in den Wald. Noch unterhalb des eigentlichen Burgbergs stießen wir auf einen weiteren, überraschend großen Ruinenkomplex.

Auf den ersten Blick hielten wir die Anlage für die Überreste eines Klosters. Tatsächlich handelte es sich um den ehemaligen Gutshof Šumná. Der bereits 1512 erwähnte Wirtschaftshof wurde später zu einer Feste und einem neuen Herrensitz ausgebaut, nachdem die mittelalterliche Burg den Ansprüchen ihrer Bewohner offenbar nicht mehr genügte. In späterer Zeit entstand daraus ein barocker Gutshof. Heute stehen davon nur noch zerfallene Mauern, Torbögen und einzelne Giebel. Im Innenhof wächst eine gewaltige alte Stieleiche, deren weit ausladende Krone über den Ruinen thront. Sie schaffte es 2022 sogar bis ins Finale der tschechischen Wahl zum Baum des Jahres.

Hier begegneten wir schließlich auch der einzigen anderen Menschenseele unserer gesamten Tour. Während wir uns noch mit der Frage beschäftigt hatten, wo man sein Auto abstellen darf, hatte dieser einsame Kamerad das Problem auf ausgesprochen pragmatische Weise gelöst: Er war mit seinem Jeep direkt bis zur Eiche gefahren. Dort klappte er eine Feldküche aus, deren Ausmaße eher auf die Versorgung eines kleineren Bataillons schließen ließen, und begann, sich ein stattliches Steak samt Beilagen zuzubereiten. Offenbar kann man alte Gemäuer auf sehr unterschiedliche Weise genießen.

Šumburk im Herbstlicht

Vom Gutshof aus ging es weiter bergauf durch den Wald. Schließlich erreichten wir die Ruine Šumburk, die zwischen 1431 und 1435 als neuer Sitz der Herren von Schönburg errichtet worden war. Nach einem Brand im 16. Jahrhundert wurde die Burg aufgegeben und verfiel allmählich.

Die erhaltenen Mauern sind noch immer erstaunlich umfangreich. Türme, Fensteröffnungen und überwucherte Gebäudereste verteilen sich über den gesamten Gipfel. Zwischen ihnen leuchteten bereits die ersten herbstlich gefärbten Bäume, während dunkle Wolken über die Landschaft zogen. Für einen kurzen Augenblick brach die Sonne durch die Wolkendecke. Ihre Strahlen fielen wie helle Säulen über die bewaldeten Hügel und das Tal. Neben den dunklen Burgmauern wirkte die Szene beinahe unwirklich – ein wenig wie eine Landschaft aus „Der Herr der Ringe“.

Auch hier trafen wir keinen einzigen weiteren Besucher. Hasištejn, Egerberk und Šumburk hätten unterschiedlicher kaum sein können: eine verschlossene, erstaunlich gepflegte Burg, eine stille Ruine mit weitem Ausblick und schließlich ein verwunschener Berggipfel über einem verlassenen Gutshof samt Stieleiche und privatem Steakrestaurant.

Dass wir diese Orte beinahe vollständig für uns allein hatten, war natürlich ausgesprochen angenehm. Gleichzeitig ist es erstaunlich, wie wenig besucht solche eindrucksvollen Plätze offenbar sind. Vielen entgeht hier etwas.