Ein Kumpel und ich kamen irgendwann auf die Idee, gemeinsam in den Wanderurlaub zu fahren. Da Berge fetzen, stand das Reiseziel im Grunde schon fest: Es sollte ein Gebirge werden. Die Alpen kannten wir inzwischen jedoch recht gut, und besonders nach den Corona-Jahren hatten wir wenig Lust, uns auf den bekannten Wegen in eine sauber organisierte Wanderpolonaise einzureihen. Unsere Wahl fiel daher auf die Hohe Tatra, ein erstaunlich kompaktes Hochgebirge an der Grenze zwischen Polen und der Slowakei.

Der Marktplatz von Wadowice

Da Fahrradtrial zu den Haupthobbys meines Kumpels zählt, sollten außerdem einige Trialgelände auf der Strecke liegen. Ich selbst betreibe Trial eher aus sicherer Entfernung. Vermutlich würde jedes Trialbike spontan einen technischen Defekt vortäuschen, sobald ich mich draufstellen würde.

Geplant waren zunächst einige Tage auf der polnischen Seite der Hohen Tatra, anschließend sollte es auf der slowakischen Seite weitergehen. Unsere Reise führte uns zuerst von Deutschland nach Wadowice, wo wir einen Zwischenstopp einlegten. Eigentlich sollten dort die Trial-Weltjugendspiele stattfinden, waren jedoch pandemiebedingt abgesagt worden. Da die Ferienwohnung längst gebucht war, machten wir aus dem ausgefallenen Sportereignis kurzerhand einen Stadtrundgang. Das war keineswegs die schlechteste Ersatzbeschäftigung, denn Wadowice erwies sich als ausgesprochen schöne Stadt.

Ein Abstecher nach Ochotnica Dolna

Das Trialgelände von Ochotnica

Die Hohe Tatra von Bukowina Tatrzańska aus

Am nächsten Morgen ging es weiter nach Ochotnica Dolna zum dortigen Trialpark. Mein Kumpel konnte sich auf dem Gelände ordentlich austoben, und schon nach kurzer Zeit gesellte sich die lokale Trialgemeinde dazu. Offenbar benötigt man beim Trial keine langwierige Vorstellungsrunde. Es genügt, gemeinsam Hindernisse zu befahren, die vernünftige Menschen vermutlich einfach umrunden würden. Da ich bekanntlich eine totale Sportskanone bin, bezog ich mit gebührendem Sicherheitsabstand und Teleobjektiv Position. So sah es wenigstens aus, als wäre meine Untätigkeit Teil eines fotografischen Konzepts.

Am Abend fuhren wir weiter in Richtung Hohe Tatra nach Bukowina Tatrzańska. Das Dorf sollte für die nächsten Tage unser Ausgangspunkt für die Wanderungen auf der polnischen Seite sein.

Erste Wanderung – Giewont

Blick ins Tal

Unsere erste Wanderung sollte uns auf den Giewont führen, das Wahrzeichen der polnischen Tatra. Vom Rand Zakopanes liefen wir zunächst über Kuźnice und die Hala Kondratowa zur Kondracka Przełęcz. Nach dem kettengesicherten Gipfelabschnitt führte der Rückweg durch die Dolina Strążyska wieder nach Zakopane. Zugleich stand damit der erste Härtetest meiner neuen Ausrüstung an und, wie sich herausstellen sollte, vor allem meines Urteilsvermögens.

Als Fotograf hält man es schließlich für vollkommen selbstverständlich, eine möglichst vollständige Kameraausrüstung auf einen Berg zu tragen. Deshalb hatte ich mir vor der Reise eigens einen 50-Liter-Rucksack mit integriertem Kamerafach gekauft, einen Tilopa von F-Stop Gear. Der Rucksack war hervorragend bewertet, sehr gut verarbeitet und fühlte sich tatsächlich bequem an. Nur eine entscheidende Funktion fehlte ihm: Er konnte die Kondition seines Trägers nicht verbessern. Beim Packen war ich offenbar davon ausgegangen, dass wir mindestens fünf Tage auf dem Berg bleiben und dort abwechselnd von Schnee- und Sandstürmen, Regenschauern und Hitzewellen heimgesucht würden, während wir nebenbei wilde Bären abwehren müssten. Als Verpflegung hatte ich Tactical Foodpacks dabei, die sich mit etwas Wasser und einem chemischen Erhitzer zubereiten lassen. Ein gewöhnliches belegtes Brot erschien mir für dieses Szenario offenbar nicht krisenfest genug. Hinzu kam ein Erste-Hilfe-Paket, um dessen Ausstattung mich vermutlich manches kleinere Krankenhaus beneidet hätte.

Der Gipfel

Und natürlich die Kameraausrüstung: eine Nikon D850, das Nikon 14–24 mm f/2,8 (gefühlt Nikons schwerstes Ultraweitwinkelobjektiv), ein 24–70 mm f/2,8, ein 70–200 mm f/2,8 und ein Stativ. Insgesamt wog der Rucksack ungefähr 15 Kilogramm. Vorgesehen war eine rund 18 Kilometer lange Tour mit etwa 1.100 Höhenmetern im Aufstieg. Im Nachhinein lässt sich nicht mehr zweifelsfrei rekonstruieren, was ich mir dabei gedacht hatte.

Der sinnvollste Gegenstand im Gepäck war vermutlich mein Garmin GPSMAP, auf dem die zuvor mit BaseCamp geplante Route gespeichert war. Das Gerät, ausreichend Wasser, etwas Proviant und eine Regenjacke hätten für die Wanderung weitgehend genügt. Der Rest war im Wesentlichen ein mobiles Fotogeschäft mit angeschlossener Feldküche.

Es dauerte nur wenige Kilometer, bis ich den leisen Verdacht entwickelte, beim Packen möglicherweise falsche Prioritäten gesetzt zu haben. Trotzdem kämpften wir uns – deutlich langsamer als geplant – den Berg hinauf. Auch das Wetter präsentierte sich nicht gerade von seiner werbewirksamsten Seite. Als Einstieg in die Hohe Tatra war die Tour dennoch eindrucksvoll und in Sachen Rucksackpackkunde ausgesprochen lehrreich. Vor allem lernte ich, dass man nicht auf jede theoretisch denkbare Katastrophe vorbereitet sein muss, nur weil der Rucksack noch Platz dafür bietet. Zumindest konnten wir dann Abends in der Schronisko Bukowina einkehren, wo das Essen 10 von 5 Sternen verdient hatte, nicht nur nach dieser ersten Selbstkasteiungswanderung.

Zweite Wanderung – Kasprowy Wierch

Lift ins Nirwana

Unter den Wolken sah man dann schöne Landschaften

Die zweite Wanderung sollte deutlich entspannter werden. Wir hatten schließlich aus der ersten Tour gelernt – teilweise durch Einsicht, überwiegend durch Muskelkater. Deshalb fuhren wir mit der Seilbahn auf den Kasprowy Wierch. Der Rucksack war diesmal erheblich leichter, und als Kamera musste

das Handy genügen. Für einen Fotografen ist das zwar eine gewisse Überwindung, für dessen Rücken aber eine bemerkenswert vernünftige Entscheidung. Von der Bergstation folgten wir dem Hauptkamm an der polnisch-slowakischen Grenze bis zur Przełęcz pod Kopą Kondracką. Von dort führte der Abstieg durch die Dolina Kondratowa, vorbei an der Hala Kondratowa und Kalatówki, zurück nach Kuźnice und weiter nach Zakopane. Das Wetter hatte weiterhin wenig Interesse daran, mit unseren Urlaubsplänen zusammenzuarbeiten. Die Bergluft tat trotzdem gut, und ohne ein halbes Fotogeschäft auf dem Rücken ließ sich die Landschaft gleich wesentlich entspannter betrachten.

Im Anschluss fuhren wir über die slowakische Grenze nach Poprad und bezogen unsere nächste Ferienwohnung. Im dortigen Decathlon ersetzte ich außerdem meine Wasserflasche durch eine Trinkblase. Das ersparte mir künftig die Verrenkungen, die nötig waren, um während des Laufens an die Flasche in der Seitentasche zu gelangen. Es war ein kleiner, aber wichtiger Schritt auf dem Weg vom vollständig ausgerüsteten Expeditionsfotografen zurück zum gewöhnlichen Wanderer.

Aufenthalt in der Slowakei

Der Kriváň, vom Stillen Tal aus gesehen

Unseren ersten Tag in der Slowakei wollten wir etwas ruhiger angehen. Mein Kumpel wollte mir offenbar einen Gefallen tun: In Videos des örtlichen Trialvereins hatte er einen vielversprechenden Fotospot entdeckt, irgendwo in der Tichá dolina, dem Stillen Tal. Also fuhren wir zunächst nach Podbanské, um von dort aus „ein paar Meter“ in das Tal hineinzulaufen. „Ein paar Meter“ ist allerdings eine Entfernungsangabe, deren Bedeutung sich im Urlaub erstaunlich flexibel auslegen lässt.

Ein typischer Langzeitbelichtungs-Gebirgsbach

Den gesuchten Fotospot fanden wir zwar nicht, dafür wurden aus den paar Metern schließlich rund fünf Kilometer. Die legte ich selbstverständlich wieder mit vollgepacktem Fotorucksack und in gewöhnlicher Straßenkleidung zurück. Der geplante ruhige Tag hatte damit schneller als erwartet zum normalen Reiseprogramm zurückgefunden. Immerhin entdeckten wir unterwegs einige eigene Fotomotive und bekamen einen beeindruckenden Blick auf den Kriváň, einen der markantesten Gipfel der Slowakei. Nahezu im Viertelstundentakt konnten wir außerdem beobachten, wie ein Rettungshubschrauber in Richtung Gipfel flog. Das erinnerte mich einerseits beruhigend an die SOS-Taste meines GPSMAP, mit der sich über das Satellitennetz Hilfe rufen lässt. Andererseits war es ein recht deutlicher Hinweis darauf, dass man diese Berge nicht unterschätzen sollte. Diesen zweiten Teil der Erkenntnis speicherte ich offenbar nicht ganz so dauerhaft ab wie den ersten.

Anschließend ging es noch zum Trialgelände des örtlichen Vereins in Poprad, das sich zufälligerweise in fußläufiger Entfernung zu unserer Ferienwohnung befand. Ein Urlaubsort mit nahe gelegenem Trialpark und Decathlon war für meinen Kumpel damit vermutlich infrastrukturell vollständig erschlossen.

Dritte Wanderung: Bystrá lávka oder: Zwei Deppen gegen den Berg

Der Wasserfall Skok. Wieso ich so komisch da stehe, weiß ich leider auch nicht

Für unsere dritte Wanderung hatten wir uns die anspruchsvollste Tour unseres Aufenthalts vorgenommen: die Rundwanderung von Štrbské Pleso durch die Mlynická dolina, über die Scharte Bystrá lávka und durch die Furkotská dolina zurück zum Ausgangspunkt.

Los ging es in Štrbské Pleso, dem bekannten Wintersportort, den meine Eltern noch aus DDR-Zeiten kannten. Bereits nach dem kurzen Anstieg vom Parkhaus zum gleichnamigen Bergsee war ich leicht außer Atem. Ein richtig gutes Vorzeichen.

Der Weg führte zunächst durch dichten Wald. Mit zunehmender Höhe wurde die Vegetation allmählich dünner – ebenso wie die Zahl der Menschen, denen wir begegneten. Schließlich erreichten wir den Wasserfall Skok, an dessen Seite der Weg in einer ersten, mit Ketten gesicherten Passage weiter nach oben führte. Oberhalb des Wasserfalls kam uns ein Slowake in Laufschuhen und Ultraleichtausrüstung entgegen. Er warnte uns auf Englisch, dass wir besser umkehren sollten, weil schlechtes Wetter aufziehe.

Hübsche Bergseen

Okay. Nach dem katastrophalen Einstieg mit einem halben Fotofachgeschäft, Bistro und Kleiderladen auf dem Rücken während der ersten Wanderung sowie der Sichtung zahlreicher Rettungshubschrauber hätte man annehmen können, dass wir inzwischen einige Erfahrungspunkte gesammelt hatten. Nun kam uns ein offensichtlich bergtauglicher Mensch entgegen und riet ausdrücklich vom weiteren Aufstieg ab. Meine gedankliche Sicherheitsanalyse fiel trotzdem überraschend eindeutig aus: Der Herr hatte ja nicht einmal Wanderschuhe an. Wie viel Ahnung konnte er also schon haben? Außerdem besaßen wir Ponchos. Ha! Was sollte da schon passieren?

Also setzten wir den Aufstieg fort.

Nachdem wir uns über ausgedehnte Geröllfelder nach oben gearbeitet hatten, setzte tatsächlich ein Schneesturm ein. Im August. Langsam erschien die Warnung des Herrn in den Laufschuhen in einem etwas anderen Licht. Aus irgendeinem Grund hielten wir es zu diesem Zeitpunkt jedoch für wenig sinnvoll, noch umzukehren. Auch dieser Gedankengang gewinnt im Rückblick keine Preise. Wir stiegen deshalb weiter bis zur Bystrá lávka. Beim Überqueren der Scharte schien zwischen uns und einem unfreiwilligen, gravitationsbedingtem sehr schnellen Abstieg zeitweise nur eine Reihe von Ketten zu liegen, an denen wir uns festhalten konnten. Gleichzeitig wehte uns eisiger, waagerechter Schneeregen entgegen. An einer Stelle verlor ich den Halt und hing plötzlich nur noch an den Ketten. Dabei stellte ich fest, dass die Hohe Tatra eine ausgezeichnete Akustik besitzt: Mein vermutlich lautester und hellster Angstschrei des Tages dürfte noch in einigen Kilometern Entfernung zu hören gewesen sein.

Schneesturm auf dem Weg zur Scharte

Warum hatte uns eigentlich niemand davor gewarnt, dass es hier so gefährlich werden könnte? Abgesehen natürlich von dem Herrn, der uns sehr ausdrücklich davor gewarnt hatte.

Auf der anderen Seite der Scharte führte der Weg an den Wahlenbergove plesá vorbei in die Furkotská dolina. Das Gestein war inzwischen vollständig vereist, und selbst die wenigen Grasflächen waren durch den glatten Schneematsch kaum passierbar. Kopfschüttelnd und mit höchster Aufmerksamkeit setzten wir den Abstieg fort, wobei wir, gelinde gesagt, mehr als einmal (dutzende Male) aufs Maul flogen. Schließlich folgte das nächste steinerne Meer. Irgendwann waren dort offenbar in regelmäßigen Abständen Wegmarkierungen auf die Felsen gesprüht worden. Das ist ausgesprochen hilfreich – doof nur, dass man sie unter einer Schneedecke nicht sieht. Hier erwies sich das GPSMAP erneut als einer der sinnvollsten Gegenstände in meinem Rucksack. Mehr als einmal half uns die gespeicherte Route dabei, den Verlauf des Weges wiederzufinden. Nach einem langsamen und schmerzhaften Abstieg erreichten wir einige Stunden später tatsächlich wieder Štrbské Pleso – völlig vergriesgnaddelt, zerknautscht und mit deutlich weniger Begeisterung für spontane Hochgebirgsexpeditionen.

Zur Verteidigung meines Kumpels muss ich ergänzen, dass er nach der Warnung mehrfach eine Umkehr in Betracht zog. Ich war es, der ihn immer wieder zum Weiterlaufen überredete. Vermutlich lag es an sauerstoffmangelinduzierter Wanderlust. Grobe Dummheit meinerseits wäre allerdings ebenfalls eine belastbare Erklärung.

Den folgenden Tag verbrachten wir vollständig in der Ferienwohnung und sahen eine Folge Stranger Things nach der anderen. Als Nachbereitung einer Hochgebirgstour war das erstaunlich angenehm.

Die wichtigste Erkenntnis der Wanderung lautet daher: Hört auf erfahrenere Wanderer, insbesondere dann, wenn sie gerade aus der Richtung kommen, in die ihr unbedingt weiterlaufen möchtet. Und ein Poncho ist kein meteorologischer Freifahrtschein.

Vierte Wanderung: Tichà Dolina

Das Stille Tal

Nachdem wir ein paar Tage zuvor eher versehentlich schon einige Kilometer in die Tichá dolina vorgedrungen waren, beschlossen wir nach unserer kleinen sportlichen Ertüchtigung an der Bystrá lávka, es nun wirklich etwas ruhiger angehen zu lassen. Das Stille Tal hatte einen ääääh… angenehm stillen Eindruck hinterlassen. Also wollten wir herausfinden, wie still es weiter hinten noch werden würde.

In BaseCamp plante ich eine Wanderung, die uns von Podbanské zunächst über die Belá und anschließend am Tichý potok entlang bis zur Wegkreuzung unterhalb des Kasprowy Wierch führen sollte. Von dort ging es auf demselben Weg zurück. Die Strecke war rund 26 Kilometer lang. Für mich als ausgewiesene Sportskanone besaß die Tour jedoch einen entscheidenden Vorteil: Sie hatte für Tatra-Verhältnisse nahezu keinen Anstieg. Lediglich etwa 470 Höhenmeter waren zu überwinden. Als „kleine“ Abschlusswanderung erschien das durchaus machbar.

Die geringe Steigung interpretierte ich zugleich als offizielle Genehmigung, erstmals wieder die DSLR in den Wanderrucksack zu packen. Manche Lernprozesse verlaufen offenbar nicht linear. Die Tour beeindruckte vor allem durch die malerischen Ausblicke auf die umliegenden Berge. Auch der Name des Stillen Tals erwies sich als ausgesprochen treffend: Über weite Strecken begegneten wir keiner Menschenseele. Nach den Erlebnissen an der Bystrá lávka wirkte das fast verdächtig friedlich.

Ohne Schneesturm, Kettenpassagen oder akute Todesangst beendeten wir die Wanderung nach rund sieben Stunden. Das klingt im Vergleich zur vorherigen Tour beinahe unspektakulär, war in diesem Fall aber als größtmögliches Kompliment gemeint.

Rückfahrt

Am folgenden Tag verließen wir Poprad und fuhren über Tschechien zurück nach Deutschland. Einen letzten Zwischenstopp legten wir in Rudina im Nordwesten der Slowakei ein. Dort besuchten wir zum Abschluss noch das örtliche Trialgelände, auf dem bereits einige größere Wettkämpfe stattgefunden hatten. Eine Reise, bei der Trialparks einen derart festen Platz im Programm eingenommen hatten, konnte schließlich nicht einfach an einer gewöhnlichen Autobahnraststätte enden.

Danach setzten wir unsere Fahrt in Richtung Heimat fort.

Fazit: Hosentaschen-Alpen

Der Aufenthalt in der Hohen Tatra war einfach genial. Auf einer vergleichsweise kompakten Fläche findet man dort ein erstaunlich anspruchsvolles Hochgebirge – eine Art Hosentaschen-Alpen, wobei man sich die Hosentasche entsprechend schroff vorstellen muss. Dadurch mussten wir nie stundenlang von unserer Unterkunft aus fahren und konnten trotzdem sehr unterschiedliche Landschaften und Wandergebiete erkunden.

Auch beim Schwierigkeitsgrad (nicht zu verwechseln mit meinem Dummheitsgrad) bietet die Hohe Tatra eine große Bandbreite. Von nahezu flachen Touren durch stille Täler bis zu anspruchsvollen Hochgebirgswegen dürfte für ziemlich jeden etwas dabei sein.

Am Ende hatten wir die Tactical Foodpacks auf unserem Balkon in der Ferienwohnung zubereitet. Sie waren sehr schmackhaft.

Gleichzeitig ist das Gebirge vielerorts weniger stark touristisch erschlossen, als wir es aus den Alpen kannten – genau das hatten wir gesucht. Auf vielen Wegen gibt es weniger Schutzhütten, Bänke und Unterstände. Das sorgt für viel Ruhe, verlangt aber auch, dass man etwas genauer über seine Ausrüstung und Verpflegung nachdenkt. Dabei lernte ich unter anderem, dass Tactical Foodpacks zwar ausgesprochen expeditionsfähig klingen, für gewöhnliche Tageswanderungen aber nicht unbedingt das Gelbe vom Ei sind. Eine belegte Bemme benötigt keinen chemischen Erhitzer, wiegt weniger und erfordert unterwegs keine improvisierte Feldküche. Manchmal ist die technisch weniger aufwendige Lösung eben doch die bessere.

Auch anderen Menschen begegneten wir auf vielen Abschnitten nur selten. Die Dichte warnender Herren entlang der Wege war zwar gering, ihre Trefferquote dafür bemerkenswert hoch. Bereits vor unserer Abreise hatten mich Kollegen, die zuvor in der Hohen Tatra gewesen waren, davor gewarnt, das Gebirge zu unterschätzen. Diese Warnung kann ich inzwischen mit einer gewissen praktischen Erfahrung weitergeben: Nur weil ein Gebirge kompakt aussieht, ist es noch lange nicht harmlos. Und von möglichen Begegnungen mit Bären haben wir dabei noch gar nicht gesprochen. Glücklicherweise bekamen wir keinen einzigen zu Gesicht. Vermutlich verfügten die Tiere während unseres Aufenthalts über den besseren Selbsterhaltungstrieb.

Für zukünftige Wandertouren war die Reise jedenfalls ein ausgezeichneter Härtetest – für meine Ausrüstung, meine Kondition und mein gelegentlich etwas flexibles Urteilsvermögen. Seitdem weiß ich besser, was unbedingt in den Rucksack gehört und was getrost zu Hause bleiben kann.

Die Hohe Tatra würde ich trotzdem jederzeit wieder besuchen. Beim nächsten Mal allerdings mit weniger Objektiven, mehr Respekt vor warnenden Laufschuhträgern und einer ganz gewöhnlichen belegten Bemme.